Interview mit Jerry Michalski und Harlan Hugh PDF Drucken E-Mail

Unsere Kollegen (Shelley Hayduk, VP Marketing & Sales; Harlan Hugh, CTO) von TheBrain Technologies in Los Angeles hatten vor kurzem Besuch von Jerry Michalski, einem Brain-Anwender der ersten Stunde, der vermutlich eines der größten PersonalBrains hat. Bei dieser Gelegenheit stand er im Interview dann Rede und Antwort. Hier ist das Video mit deutschen Untertiteln:

Nachfolgend eine Mitschrift des Interviews:

(Hinweis: die Begriffe "Brain", "TheBrain" werden synonym verwendet und beziehen sich entweder auf die Technologie und Ideen an sich, ein "Brain" kann aber auch eine konkrete mit der Software erstellte Datenbank sein - je nach Kontext."PersonalBrain" bezieht sich immer konkret auf die Software).

Shelley:  Ich bin hier zusammen mit Harlan, dem Erfinder von TheBrain und dem Anwender des vermutlich größten Brains der Welt, Jerry Michalski. Vielen Dank, Jerry, daß Du heute bei uns bist. Im Hintergrund ist Dein Brain zu sehen im "Wandern"-Modus. Wie drückt Dein Brain aus, wer Du bist?

Jerry: Auf viele verschiedene Weisen. Es fällt mir immer besonders auf, wenn ich's anderen Leuten vorführe: ich bin auf einer Veranstaltung, mache mir Notizen und jemand fragt mich "Was ist das?" und ich fange an, es vorzuführen. Und ich merke, daß die Stellen, die ich zeige, Dinge betreffen, um die ich mich sehr intensiv kümmere, die mich stark interessieren. So gehe ich in diese Gegenden meines Brains, die sich mit dem beschäftigen, was mir wichtig ist, oder mit meinen Ansichten zu einem Thema. Einiges davon mögen schwierige Themen sein, etwa der Golf-Krieg oder solche Dinge. Es können politische Themen sein, solche, die mit meinen Interessen zusammenhängen, meinen Investitionen oder sonstwas. Und, mit der Zeit, wenn ich immer mehr Dinge in mein Brain einbringe, die mich interessieren, zeigt sich, daß es wirklich wunderbar abbildet, was mir wichtig ist.

Shelley: Wie fing das eigentlich an, mit Dir und dem Brain?

Jerry: Nun, vor mehr als 11 Jahren kam dieser Kerl namens Harlan in mein Büro, um die Software vorzuführen. Sein Geschäftspartner stand am Kopfende des Tisches mit einem Foliensatz zur Präsentation und sagte "Weißt Du, ich hab' das Gefühl, wir sollten die Folien gar nicht zeigen. Harlan, warum führst Du Jerry nicht einfach die Software vor?"
So haben wir die Demo begonnen. Ich hab's gleich erfasst und dann, ungefähr einen Monat danach, als Harlan die erste Version öffentlich freigab, auch gleich angefangen, damit zu arbeiten. Und so hatte ich wirklich einen frühen Start und habe seither ständig damit gearbeitet. Die ganze Zeit, beständig, und in diesen mehr als 11 Jahren habe ich so 107.500 Gedanken und Notizen in meinem Brain gesammelt.


Shelley: Wie unterscheidet sich PersonalBrain von anderen Werkzeugen und vielleicht auch den gebräuchlichen Mindmaps? Betrachtest Du dies als Mindmapping-Technologie oder als etwas ganz anderes?

Jerry: Ich würde es einordnen oder "visuelle Suche", "visuelle Analyse", "Concept mapping" und "Mind mapping". Unter diesen Gedanken habe ich TheBrain in meinem eigenen Brain zugeordnet. Die Leute sehen das Brain und sie sagen "Oh, das ist ja 3D". Meistens korrigiere ich das und sage "Nein, nein, ich stelle es mir eher als 2¼D vor".  Denn im allgemeinen ist man hier im flachen Land, es ist eine ziemlich "flache" Benutzeroberfläche, mit Ausnahme der Wander-Animation, die wir gerade sehen, da kommen Dinge in den Vordergrund und gehen wieder zurück nach hinten, das ist das ¼D. Aber das bewirkt, daß der Verstand frei wird, um jeden Gedanken hier mit anderen zu verknüpfen. Es gibt keine Hierarchien! Und das Problem der 2D-Produkte ist, daß sie prinzipiell seitenorientiert sind, so daß man, wenn man am rechten Rand der Seite angekommen ist, nicht einfach verbinden kann mit Dingen am linken Rand (der nächsten Seite), nichts bewegt sich ins Zentrum und wird zum neuen Schwerpunkt der Aktivitäten. So gibt es diesen enormen Unterschied, der daher kommt, daß Dinge hier nicht hierarchisch organisiert sind und daß diese zusätzliche Bewegungsfreiheit da ist.
Ich habe auch schon etliche experimentelle 3D "flieg-durch-die-Daten"-Anwendungen gesehen ist größtenteils sind sie ziemlich ärmlich, denn man kann nicht einfach, zielsicher und schnell "durch Informationen fliegen", das ist keine gute Metapher für die Navigation. Und hier im Brain, kann man tatsächlich ganz direkt zu Dingen springen und man kann sich sehr schnell durch einen Haufen Information hindurchbewegen - in dieser merkwürdigen 2¼D-Welt.

Shelley: Harlan, als Du das Brain entworfen hast, hast Du dabei an Tony Buzans Mindmaps gedacht, und diesen nicht-linearen Weg, Informationen zu verbinden, so wie Jerry es jetzt tut?

Harlan: Als ich anfing, an TheBrain zu arbeiten, war eine der Grundannahmen, daß wir einen Weg benötigen, um Informationen durch Assoziationen zu verbinden, nicht durch Hierarchien. Und erst einige Jahre nach dem Bau des ersten Prototypen habe ich zum ersten Mal von Mindmaps gehört. Deswegen sieht ein Brain auch so ganz anders aus als eine normale Mindmap, weil es einem anderen Ansatz folgt: im Gegensatz zu einer Lösung, die basiert auf dem, was auf einem Stück Papier geschieht, geht es um das, was in Ihrem Kopf ist!

Shelley: Ist Dein Brain so groß wie das von Jerry?

Harlan: (lacht) Mein digitales Hirn nicht.

Shelley: Wie groß ist Dein Brain jetzt, Jerry, wieviele Gedanken hast Du erfasst?

Harlan:107.500

Shelley: Ich denke, das ist der Rekord! Wo seht ihr diese Technologie hinführen? Du arbeitest schon seit über einem Jahrzehnt damit, Jerry, und Harlan hat natürlich noch länger daran entwickelt. Was ist die Zukunft von TheBrain?

Jerry: Ich erinnere mich, vor einiger Zeit, mindestens 5 Jahre, vielleicht auch 7,8,9 Jahre, als ich schon ein Weilchen mit TheBrain gearbeitet hatte, war ich auf einer Website zur Ahnenforschung, myancestry.com oder myfamily.com, I weiß nicht mehr wo, und ich gab Daten über meine Familie ein. Ich las nach, was es bedeutete, dort Daten einzugeben und es zeigte sich, daß man durch seine Informationen gewissermassen zertifiziert, daß eine Person echt ist. Und auf einmal dämmerte mir dann, daß, während ich so an meinem kleinen Stammbaum bastelte, ich vielleicht eine Person anklicken würde, die es schon in der Datenbank gab, die schon als "echt" bestätigt worden war, und ich so auf einmal mit dem Stammbaum der Menschheit verbunden wäre.
Und das war ein großes "Aha-Erlebnis" und ich dachte mir "Das wäre interessant, ich würde mich sehr verbunden fühlen.". Weil ich  zu diesem Zeitpunkt schon länger mit Brain gearbeitet hatte und wirklich begeistert war, hatte ich den gleichen Gedanken in Bezug auf mein Brain: "All meine kleinen Verästelungen hier, die Dinge, die ich (inzwischen) über 10 Jahre ganz alleine verbunden habe - wäre es nicht toll, dies mit Harlans Gedanken zu verbinden, mit Deinen und denen von anderen Menschen draußen in der Welt, mit anderen Menschen, die auf anderen Gebieten Experten sind? Dann Verbindungen herzustellen wäre der Anfang eines globalen Brains!".
Und ich denke, das ist die Richtung, in die sich die Sache hinbewegt - langfristig. Es mag nochmals 10 Jahre dauern, bis wir dahin kommen.
Aber, wenn ich heute Vorträge halte, ohne explizit über das Brain zu sprechen, dann rede ich doch davon, was heute geschieht und wie wir ein globales Brain schaffen. Wenn ich auf Facebook eine Verbindung mit jemand eingehe, mag das wie ein unbedeutendes Ereignis erscheinen, aber ich habe in diesem Moment eine Verbindung zwischen uns zugelassen. Und wenn ich dann etwas tue, sieht es diese Person in dem mini-feed. Und wenn Du etwas tust, sehe ich es. Wenn ich etwas twittere, werden einige Tausend Leute diese Nachricht lesen, die ich gesendet habe.Diese Leute sehen mich vielleicht nur am Rand ihres Blickfelds, und sie mögen sich an mich erinnern oder auch nicht, aber das ist auf jeden Fall eine kleine, dünne Verbindung in diesem globalen Brain.
TheBrain, das Produkt, ermöglicht diesen spielerischen Umgang mit Informationen in einer ganz natürlichen, flüssigen Art und Weise. Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Aspekt, ein wirklich wichtiges Element beim Gestalten dieses globalen Brains.

Shelley: Harlan, ohne jetzt Geheimnisse preiszugeben, stimmst Du überein mit Jerrys Vision? Wie siehst Du die Technologie sich entwickeln? Wird Jerry in Zukunft in seinem globalen Brain arbeiten können?

Harlan: Nun, der Name des derzeitigen Produktes "PersonalBrain" beinhaltet, daß es auf einen Benutzer fokussiert ist und wie diese eine Person im "digitalen Raum" arbeiten kann. Aber offensichtlich ist das nicht die einzige Möglichkeit mit dieser Technologie.

Etwas, was wir beobachten, ist, wie Jerry auch beschrieben hat, wie die Grenze verschwimmt zwischen dem, was persönlich ist, und dem, was geteilt wird. Und das Vermischen dieser beiden Bereiche bis hin zu dem Punkt, daß diese Linie nicht mehr existiert, es eher ein Kontinuum wird, und das persönliche Brain sich zum globalen Brain entwickelt, wie Jerry sagte.

Shelley: Interessant. Gehen wir zurück ins heute. Welche Art von Benutzern, außer solchen mit mehr als Hunderttausend Gedanken, kann TheBrain verwenden? Welche Art von Leuten benutzt die Technologie? Harlan und Jerry, was denkt Ihr, für wenn paßt es am besten?

Jerry: Ich denke, es gibt da einige ganz unterschiedliche Gruppen von Leuten, für die das Brain sehr attraktiv sein kann. Eine davon sind grafischer Denker, Leute, die Dinge als Konzepte sehen, die normalerweise ein Blatt Papier herausholen würden und kleine Diagramme zeichnen würden, Leute, die mit Listen arbeiten, und die schon viele Concept-Mapping Tools ausprobiert haben. Sie sind offensichtliche,  natürliche Kandidaten.
Aber da gibt es auch Leute, für die ihre Historie, ihre Brotkrumen im Cyberspace, wichtig sind. Es ist ihnen vielleicht gar nicht so bewusst, sie sehen interessante Websites, sie gehen durch die Welt, unternehmen etwas, erinnern sich, aber sie haben keinen Ort, um alle diese Dinge abzulegen und in einem größeren Zusammenhang zu verwalten. Und ich denke, diese Leute, die das, was sie gefunden haben, wertschätzen und diese Informationen noch besser nutzen möchten, können ebenfalls wunderbar vom Brain angezogen sein. Also, wenn Du versuchst, die Favoriten/Lesezeichen in Deinem Browser sinnvoll zu verwalten und es total frustrierend findest, dann kann dies eine großartige Alternative sein.

Harlan: In meiner ursprünglichen Vorstellung vom Produkt, würde jedermann mit Brain arbeiten, natürlich. Aber für einige Leute ist die Techologie einfach passender, auf Grund der Art und Weise wie sie denken, wie sie arbeiten. Im Grund war die Kernidee zu Beginn "Laß uns einen Arbeitsbereich schafffen, der mehr dem entspricht, wie die Leute denken - im Computer." Und mit diesem Ziel, versuchen wir etwas zu machen, was für jeden funktionieren kann. Aber als wir dann anfingen, das Produkt anzubieten, Kunden zu bekommen und so weiter, sahen wir, daß es eine hohen Anteil von Leuten gab, die echte Denker waren: Analysten, die mit einer Vielzahl komplexer Informationen umgehen, mit komplexen Beziehungen, und die Hilfe benötigen, dies mit ihrem Computer abzubilden.

Es ist interessant: die am häufigsten verwendete Stellenbezeichnung, mit der sich Anwender bei uns registrieren, ist Geschäftsführer/Vorstand. Diese Art von unternehmerischem Denken, schätze ich, paßt gut zu PersonalBrain und dem Ansatz, damit zu denken und zu arbeiten.

Jerry: Eines noch: ich hab hier dieses Riesenbrain das ich seit 11 Jahren füttere und es ist ein bißchen, als würde man Wikipedia als Beispiel für ein Wiki verwenden. Das ist total einschüchternd, und so sagen die Leute dann "Meine Güte, so was könnte ich niemals schaffen." So ist Wikipedia eigentlich ein schlechtes Beispiel, wenn man Leuten helfen will, ein eigenes Wiki aufzusetzen, für interne Zwecke, persönliche Verwendung oder auch für Arbeitsgruppen, weil Wikipedia so voll mit Informationen ist und so viele Leute dazu beigetragen haben. Statt dessen sollte man sich vielleicht fragen: wenn ich hundert meiner Internet-Favoriten in nützlicher Weise organisieren könnte, wäre das nicht besser als das, was ich heute tue? So kann selbst der Einstieg unmittelbar nutzbringend sein, und es braucht nicht komplizierte, ausgereifte Anwendungen. Ganz einfache Dinge...
Nach meiner Erfahrung kommt es vielmehr darauf an, ob Ihr Gehirn die Dinge vernetzt sieht oder nicht. Und wenn es das tut, dann besteht die Chance, daß PersonalBrain wirklich gut passt.

Ergänzung: